Kooperative Texterschließung mit dem Textlabor
Bachelor, Lehramt
Studienform
Förderprogramm / Auszeichnung
Das Konzept Textlabor unterstützt Studierende bei der Erarbeitung von Fachtexten. In einem kooperativen Setting und gestützt auf Leitfragen annotieren und diskutieren sie in kleinen Lektüre-Teams digital bereitgestellte Fachliteratur. Dabei unterstützen sich die Studierneden auch wechselseitig bei der Klärung von Verständnisproblemen. Die Ergebnisse der Peer-basierten Auseinandersetzung mit den Texten fließen in eine intensive Präsenzdiskussion mit lernendenzentrierter Organisationsform ein. Die technische Grundlage für das Textlabor bildet eine in Moodle integirerte Lese- und Annotationsumgebung, in der digital (als PDF-Scans) bereitgestellte Literatur kooperativ mit Anmerkungen versehen und gemeinschaftlich am Text über den Text diskutiert werden kann.
Eine Einführung in Techniken für das Lesen von Fachtexten findet in Studiengängen zumeist nicht systematisch statt. Häufig sollen Seminarsitzungen, in denen Inhalte aus gelesenen Fachtextexemplaren thematisiert und diskutiert werden, als Korrektiv für das individuelle Textverständnis fungieren. Der Effekt solcher Settings für das Textverstehen lässt sich für die Lehrperson aber kaum überblicken, da nämlich vorausgesetzt wird,
(a) dass alle Teilnehmenden den aufgegebenen Text auch tatsächlich gelesen haben,
(b) dass alle Teilnehmenden sich in ungefähr gleicher Intensität mit dem Text auseinandergesetzt haben,
(c) dass die Studierenden bei ihrer individuellen Lektüre des Textes in der Lage waren, Verstehensprobleme zu identifizieren, und diese Probleme auch formulieren können, und
(d) dass die Studierenden die von ihnen identifizierten Verstehensprobleme entweder in der Vorbereitung auf die Seminarsitzung selbst lösen können oder bereit sind, diese in der Sitzung zu thematisieren.
Diese vier Faktoren lassen sich von der Lehrperson nur begrenzt kontrollieren. Eine unzureichende konzeptuelle Durchdringung, ein falsches oder zu oberflächliches Verständnis oder gar die gänzliche Verweigerung der Lektüre eines für ein gegebenes Thema relevanten Fachtextes lässt sich aus der Lehrendenperspektive somit häufig erst dann feststellen, wenn es zu spät ist – nämlich bei der Begutachtung einer bereits eingereichten schriftlichen Arbeit, der Durchsicht einer Klausur oder in der mündlichen Prüfung.
Im Konzept Textlabor fungieren andere Lernende als Korrektiv für das eigene Textverständnis. In kleinen Lektüregruppen werden die in Moodle zur Verfügung gestellten Texte erarbeitet und die Verstehensgrundlagen geklärt. Durch vorgegebenene Leitfragen und Aufgabenstellungen, die sich auf den Text beziehen, soll eine problemorientierte Auseinandersetzung angeregt und soll der Peer-basierte Austausch über Ausschnitte aus dem wissenschaftlichen Diskurs eingeübt werden.
Durch die kooperative Arbeitsform erhält die tatsächliche Arbeit am und mit dem Text zudem eine höhere (soziale) Verbindlichkeit. Durch die schriftliche Fixierung der Fragen, Ideen und Diskussionen zum Text entsteht eine digitale Textinstanz, in der die Auseinandersetzung der Gruppe mit dem Text dokumentiert ist und die als Ressource für die weitere Arbeit mit dem Text im Seminar (und ggf. auch darüber hinaus) genutzt werden kann. Die intensive und gemeinschaftliche Bearbeitung der Texte in der eigenen Vorbereitung auf die Seminarsitzungen soll zudem die Qualität der Präsenzdiskussionen und die Beteiligung daran verbessern. Die Präsenzdiskussion findet zu großen Teilen in einem lernendenzentrierten Setting („Aktives Plenum“, Spannagel 2012) statt, in die sich der/die Lehrende als Lernbegleiter*in und mit punktuellen Impulsen einbringt, ein wesentlicher Teil der Verantwortung für die Sicherung der Ergebnisse aber bei den Lernenden liegt.
Literatur:
Spannagel, C. (2012). Flipped Math Lecture und das Aktive Plenum. Verfügbar unter https://cspannagel.wordpress.com/2012/02/19/flipped-math-lecture-und-das-aktive-plenum/ [05.12.2019] (Blogbeitrag); Video: https://youtu.be/5y0CZ-C5srk [05.12.2019].
Das Konzept wurde in diversen Lehrveranstaltungen erprobt und in Form einer anonymen Nachbefragung in der Lernplattform Moodle evaluiert. Dabei stellten die Studierenden mehrheitlich heraus, dass durch die kooperative Erarbeitungsform ein intensiver fachlicher Austausch und eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Text ermöglicht worden sei, der sich in einem Setting mit nur individueller Lektüre nicht in gleicher Weise ergeben hätte. Aus Lehrendensicht liefert die Dokumentation der textbezogenen Diskussionen in der Online-Umgebung interessante Aufschlüsse zu Verständnisproblemen, die in der Präsenzphase aufgegriffen werden können oder deren Behandlung durch zusätzliche Impulse gezielt angeregt werden kann. Die Diskussionen in den Präsenzsitzungen hatten ein hohes Niveau, die Studierenden waren durch die Online-Arbeit sehr gut auf den Text vorbereitet. Durch die Erarbeitung zentraler Fragen in der Gruppe hatten die Studierenden weniger Scheu, sich zum Text zu äußern; in den Präsenzsitzungen beteiligten sich deutlich mehr Studierende mit substanziellen Wortmeldungen als dies erfahrungsgemäß in einem „herkömmlichen“ Setting mit individueller vorbereitender Lektüre und anschließender Diskussion der Fall ist.
Nach den guten Erfahrungen mit der Erarbeitung von Fachtexten wurde das Konzept in einer Kooperation mit Dr. Liane Schüller auf die Erarbeitung eines literarischen Textes übertragen und im Sommersemester 2019 und im Wintersemester 2019/20 in drei Seminarveranstaltungen erprobt. Die Erfahrungen mit dieser Variante und auch die Rückmeldungen der Studierenden waren ebenfalls sehr positiv und ermutigend.
Die Moodle-Extension „Textlabor (PDF-Annotationen BETA)” wird als Open Educational Resource zur Verfügung gestellt (s.o.). An der Universität Duisburg-Essen steht sie in der Lernplattform Moodle seit dem Sommersemester 2019 in allen Kursräumen standardmäßig als Lernaktivität zur Verfügung.
Lernplattform Moodle an der Universität Duisburg-Essen: https://moodle.uni-due.de/ (Die Textlabor-Erweiterung steht in allen Moodle-Kursräumen der UDE seit dem Sommersemester 2019 standardmäßig als Lernaktivität zur Verfügung)
Download der Moodle-Extension „Textlabor (PDF-Annotationen BETA)” als Open Educational Resource: https://duepublico2.uni-due.de/receive/duepublico_mods_00070641 (einsetzbar mit Moodle in den Versionen 3.2, 3.3, 3.4, 3.5, 3.6 oder 3.7)
Beispiel für eine Aufgabenstellung (Erschließung eines linguistischen Fachtextes): https://doi.org/10.17185/duepublico/48982
Literatur:
Beißwenger, Michael; Burovikhina, Veronika; Meyer, Lena (2019): Förderung von Sprach- und Textkompetenzen mit sozialen Medien: Kooperative Konzepte für den Inverted Classroom. In: Michael Beißwenger & Matthias Knopp (Hrsg.): Soziale Medien in Schule und Hochschule: Linguistische, sprach- und mediendidaktische Perspektiven. Frankfurt: Peter Lang (Forum Angewandte Linguistik 63), 59-100. Open Access: https://www.peterlang.com/view/9783631791622/9783631791622.00007.xml
Beißwenger, Michael; Burovikhina, Veronika (2019): Von der Black Box in den Inverted Classroom: Texterschließung kooperativ gestalten mit digitalen Lese- und Annotationswerkzeugen. In: Carolin Führer & Felician-Michael Führer (Hrsg.): Dissonanzen in der Lehrerbildung. Theoretische, empirische und hochschuldidaktische Rekonstruktionen und Perspektiven für das Fach Deutsch. Münster: Waxmann, 193-222.
Das Projekt wurde im Rahmen des Fellowshipprogramms für Innovationen in der digitalen Hochschullehre NRW gefördert, welches vom Stifterverband und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen ausgeschrieben wurde (Projekt: „Texte annotieren, kommentieren und diskutieren in Inverted-Classroom- und Peer-Feedback-Szenarien“).
Siehe: https://www.stifterverband.org/digital-lehrfellows/2017/beisswenger
Zuletzt aktualisiert: Dez. 4, 2025
Prof. Dr. Michael Beißwenger
Fakultät für Geisteswissenschaften
Institut für Germanistik
michael.beisswenger@uni-due.de





