Das Krankenversicherungsspiel – online-Version

Das Krankenversicherungsspiel – online-Version

Lehrstuhl für Medizinmanagement

Organisationseinheit

Bachelor

Studienform

Förderprogramm / Auszeichnung

Mit einem einfachen Spielkonzept werden den Studierenden einige grundlegende Ideen von Krankenversicherung spielerisch und durch aktive Teilnahme nähergebracht. Ziel des Spiels ist es unterschiedliche Rahmenbedingungen von Krankenversicherungssystemen erfahrbar zu machen, festgefahrene Vorstellungen, die oft durch das eigene System geprägt sind, aufzubrechen sowie unterschiedliche Selektionseffekte aufzuzeigen, wie sie in den unterschiedlichen Systemen typischerweise auftreten. Außerdem werden die Studierenden damit konfrontiert, in einfacher Form Krankenversicherungsprämien zu kalkulieren.

Die Grundidee geht auf ein Konzept zurück, das Jennifer Kohn von der Drew University in Madison, New Jersey 2017 in Boston auf der preconference-Session „Teaching Health Economics“ der iHEA-Konferenz mit rund 100 Teilnehmenden durchgeführt hat (Kohn (2021)). Das Konzept wurde von Florian Buchner in Absprache mit der Autorin auf die Gegebenheiten in Österreich und Deutschland angepasst und mehrmals an der Fachhochschule Kärnten sowie in Zusammenarbeit mit Jörg Saatkamp an der Hochschule Zittau/Görlitz abgehalten. Die Reaktion der Studierenden war durch die Bank sehr positiv. So entwickelten Jürgen Wasem und Florian Buchner im Sommer 2020 die Idee im Zuge von Corona eine reine online-Version des Ansatzes zu entwickeln.

Damit ist die Geschichte aber keinesfalls an ihrem Ende angekommen: Aufgrund der Vorstellung des Konzeptes auf der Weltkonferenz der Gesundheitsökonomen im Juli 2021 (Buchner et al. (2021)) liegen konkrete Anfragen unter anderem aus Rotterdam, Oslo und Sydney vor, das Spiel in das jeweilige Curriculum zu übernehmen. Im Oktober 2021 ist von der iHEA Special Interest Group „Teaching Health Economics“ ein webinar angesetzt, in welchem das Krankenversicherungsspiel Interessierten ausführlich vorgestellt und einige Runden gespielt werden sollen sowie die Möglichkeit gemeinsamer Nutzung und Weiterentwicklung diskutiert werden soll.

Für die Durchführung der Simulation werden die Teilnehmer zunächst in Versicherer und Bürger eingeteilt. Diese Rollen werden während des gesamten Spiels beibehalten. Die Bürger erhalten nach dem Zufallsprinzip einen Risikoscore zugeteilt, der für unterschiedliche Erkrankungswahrscheinlichkeiten steht, während die Kosten im Falle einer Krankheit für alle Bürger gleich sind. Die Versicherer können den Bürgern Versicherungsangebote machen, indem sie entsprechende Prämien berechnen und anbieten. Ziel der Versicherer ist es über alle Runden hinweg den Gewinn zu maximieren, Ziel der Bürger, die eigenen Ausgaben für Krankheit (einschließlich Krankenversicherungsprämien) möglichst gering zu halten. Es werden vier „Runden“ gespielt, die durch unterschiedliche Rahmenbedingungen wie Prämienkalkulationsvorschriften oder Informationspflichten gekennzeichnet sind.

Zwischen den einzelnen Runden und am Ende des Spiels werden Teilnehmer-Rankings angezeigt, getrennt nach Bürgern und Versicherern. Das verstärkt den Wettbewerb zwischen den Teilnehmern und trägt zur Spannung des Spiels bei – eine gute Platzierung hängt allerdings nicht nur von Verhandlungsgeschick und guter Prämienberechnung ab, sondern auch vom Glück beim Risikoscore und beim Würfeln. Im Vordergrund steht aber die Auswertung der Ergebnisse. Im Debriefing werden diese mit der gesundheitsökonomischen Theorie verbunden, es wird auf die Berechnung von aktuariell fairen Prämien eingegangen sowie auf Phänomene wie Risikoaversion und adverse selection. Zusätzlich werden für die verschiedenen Szenarien jeweils sinnvolle Prämienkalkulationsansätze, zu erwartende Selektionseffekte sowie mögliche Regulierungsansätze diskutiert.

Aus didaktischer Sicht bildet eine solche Simulation eine sinnvolle Ergänzung und Abwechslung zu üblichen Lehrveranstaltungsformaten. Als Präsenzformat erfreut sich die Veranstaltung bei den Studierenden großer Beliebtheit, was wohl an der Möglichkeit aktiver Teilnahme, dem Wettbewerbscharakter und der unmittelbaren Interaktion mit Kommilitonen liegt. Die web-basierte Spielplattform sowie die Verwendung (unterschiedlicher) Videokonferenz-Tools machte es möglich, dies auch in Zeiten reiner online-Lehre weiterzuführen. Zukünftig ist eine sinnvolle Zusammenführung der beiden Ansätze vorgesehen, bei welcher das Spiel unter Verwendung der entwickelten Spielplattform in Präsenz durchgeführt wird: so können die Verhandlungen real in Präsenz durchgeführt werden, gleichzeitig ermöglicht die entwickelte Spielplattform eine schnelle und zuverlässig Auswertung der abgeschlossenen Krankenversicherungsverträge und Erkrankungsfälle (auch bei großen Teilnehmerzahlen).

Die Veranstaltung wurde in der online-Form bislang drei Mal an verschiedenen Hochschulen durchgeführt (Dezember 2020 an der Fachhochschule Kärnten, im Januar an der Universität Duisburg-Essen, im Juni 2020 an der Hochschule Neubrandenburg). Dabei traten keine größeren technischen Probleme auf. Außerdem konnten wir feststellen, dass auch bei sehr geringer Teilnehmerzahl, die erwarteten Selektionseffekte in den entsprechenden Krankenversicherungssystemen zu beobachten sind.

Eine systematische Evaluation der Lehrveranstaltung steht bislang noch aus. In Reflexionen wurde die Veranstaltung von vielen Studierenden als besonders interessant oder spannend beschrieben – und es hat auch „sehr viel Spaß“ gemacht. Mehrmals reflektierten die Studierenden, dass sie aufgrund der Erfahrungen in diesem Spiel froh sind, in einem Land mit einer Krankenversicherungspflicht zu leben. In einer Reflexion der Präsenzveranstaltung schrieb eine Studierende, dass die Veranstaltung „bei mir nahezu so etwas wie einen Paradigma Wechsel hinsichtlich der Versicherungsbeiträge ausgelöst [hat]. Bisher habe ich den Standpunkt vertreten, dass die Versicherungsprämien in erster Linie dazu dienen, die Kosten der Prachtbauten der Versicherungsträger zu finanzieren. Man möge mir an dieser Stelle verzeihen.“ Unerwartet waren Hinweise beim online-Format, dass diese Lehrveranstaltung auch für die Gruppendynamik innerhalb der Kohorte hilfreich gewesen sei, da die Studierenden aufgrund der Pandemiesituation ansonsten wenig unmittelbaren bilateralen Austausch hatten.

Ein Blick in die Literatur zeigt für die Empirie von Ansätzen wie dem vorgestellten vielversprechende Ergebnisse. Zwar fand John Hattie in seiner Synthese von Metastudien nur eine relativ geringe Effektstärke für Simulationen von d=0,33, bei einem benchmark von d= 0,4 und damit Rang 82 unter den 138 identifizierten Einflussfaktoren (Hattie (2013)). Allerdings bezieht sich diese Untersuchung vor allem auf Schule und nicht spezifisch auf Hochschule. Eine aktuelle Studie von Chernikova et al. (2020) zur Wirkung von Simulationsbasiertem Lernen im Hochschulkontext zeigt für die Vermittlung von komplexen Konzepten deutlich ermutigendere Ergebnisse: die Meta-Analyse von 128 Studien aus der Zeit zwischen 1979 und 2018 kommt fachübergreifend auf eine starke positive durchschnittliche Effektstärke von g = 0,85.

Buchner, Florian/ Flaschberger, Simone /Kohn, Jennifer/Wasem, Jan-David/Wasem, Jürgen (2021): Health insurance game online – a teaching tool in the time of Corona, 12th Worldcongress in Health Economics “Health Economics in a time of global change”, 12.-15. Juli, online.

Chernikova, O., Heitzmann, N., Stadler, M., Holzberger, D., Seidel, T., & Fischer, F. (2020). Simulation-Based Learning in Higher Education: A Meta-Analysis. Review of Educational Research, 90(4), 499-541.

Hattie, J., Beywl, W., Zierer, K. (2013). Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler Schneider Verlag Hohengehren.

Kohn, J. (2021): The health insurance game. In Platt, M. & Goodman, A.: International Handbook on Teaching Health Economics, Edward Elgar Publishing, Northampton (in print).

Zuletzt aktualisiert: Dez. 2, 2025

  • Prof. Dr. Florian Buchner

    Fakultät für Wirtschaftswissenschaften

    Lehrstuhl für Medizinmanagement

    florian.buchner@uni-duisburg-essen.de

    0043 5 90 500 4130

  • Prof. Dr. Jürgen Wasem

    Fakultät für Wirtschaftswissenschaften

    Lehrstuhl für Medizinmanagement

    juergen.wasem@medman.uni-due.de

    (0201) - 184 4072